Was für eine bescheuerte Idee! Ich stehe hier vor’m Spiegel und kratze mit so einem altmodischen Oparasierer meine Stoppeln weg – und blute natürlich, wenn auch schmerzfrei, aus vielen kleinen Schnitten. Wieso mache ich das, als jahrzehntelanger Gillette MACH3/Fusion-Nutzer!?
Fangen wir ganz vorne an: Mit der Eröffnung von Badezimmer Potsdam ging für mich als 1. Lagerist eine Menge Recherche einher – als Besitzer der männlichen Seite des Badezimmerspiegels im Besonderen auch zu Rasiermethoden und –techniken. So entdeckte ich die von mir lange links liegen gelassene Hobelrasur wieder. Die Hobelrasur war die vorherrschende Rasurmethode in den großen Industriestaaten vom Ersten Weltkrieg bis in die 1970er Jahre. Anschließend wurde das Prinzip zum gegenwärtig gängigen Systemrasierer weiterentwickelt. In Europa und Nordamerika rasieren sich heute nur noch wenige Personen mit Rasierhobeln. In Ländern wie Japan, Indien, Pakistan und Ägypten finden sich Rasierhobel dagegen noch im alltäglichen Gebrauch.TRUEFITT & HILL Rasierhobel
Bei der Hobelrasur wird eine Rasierklinge verwendet, die nur ein wenig aus dem Hobel herausragt, um größere Schnittverletzungen zu vermeiden. Es mag ein wenig paradox erscheinen, daß dieser Rasierer, mit dem man sich deutlich leichter schneiden kann, als mit den bekannten Mehrklingensystemen, „Sicherheitsrasierer“ heißt. Aber dies erfolgt eben in Abgrenzung zum Rasiermesser – mit dem Hobel kann man sich nur schwer die Kehle durchschneiden. Hierdurch läßt sich auch sehr schön die Evolution der Rasiertechnik erkennen (Faustkeil mal außen vor): vom Messer zum Hobel zu den Mehrklingensystemen. Soviel zunächst zu Geschichte. Ich komme darauf zurück.
Einhergehend mit der Besinnung auf diese traditionelle Weise des Schneidens wird in der Regel auch die gesamte Rasur eher traditionell gehalten, was morgens ein wenig mehr Zeit in Anspruch nehmen kann. Man(n) sprüht sich den Schaum nicht einfach aus einer Dose auf das Gesicht! Denn da liegt er dann einfach nur rum. Mach einmal den Selbsttest und achte bewusst auf Dein Hautgefühl. Schaum aus der Dose liegt meist nur in festen Kugeln auf der Haut. Selbst nach dem Verteilen habe zumindest ich nicht das Gefühl, daß sich die pflegenden Stoffe (sofern vorhanden) mit meinen Stoppeln verbinden oder die Haut wirklich erreichen. Also muß Rasierseife oder –creme her. Man kann diese einfach direkt auftragen und einmassieren, aber ohne Zweifel steigert es Wirksamkeit und Erlebnis, wenn di.e. Creme oder Seife in einer Schale, auf der Hand oder im Gesicht mit einem Pinsel aufgeschäumt wird. Und für mich sind das Wort Erlebnis und Rasur zuvor noch nie in einem Satz gefallen. Auch können Probleme wie Rasurbrand und eingewachsene Haare durch eine Verwendung von Rasierhobel und traditionellen Schaum reduziert werden.MÜHLE Rasurkultur Rasierhobel und Rasierpinsel
Fassen wir zusammen: Hobelrasieren dauert länger, ist komplizierter und birgt höhere Risiken als die Systemrasur. Warum sollte man also wechseln? Aus purer Nostalgie? Kommen wir also zurück zur Geschichte der Rasurtechnik.
Schnitt (haha): Die 1920er Jahre.
Kurz bevor der Patentschutz seines Sicherheitsrasierers mit der bekannten Wechselklinge auslief, meldete der Bostoner Unternehmer King Camp Gillette (was für ein Name!) einen neuen modifizierten Rasierer an, von dem er behauptete, daß er 75% bessere Ergebnisse erzielte. Dieses Prinzip zieht sich seitdem wie ein blutroter Faden durch die Unternehmens- und Industriegeschichte, begleitet von gigantischen Marketingbudgets – mittlerweile mit fünf Klingen, Vibration, blinkenden Lämpchen und diversen feuchtigkeitsspenden Klebestreifen. Bei mir hat sich ein Bild aus meiner Jugend eingebrannt: der Zweiklingenrasierer, bei dem die erste Klinge das Barthaar aus der Haut zieht, damit die zweite dieses tief abschneidet:

Wenn man darüber nachdenkt, ist das natürlich völliger Quatsch und würde, wenn es funktionieren würde, sogar für Dutzende eingewachsene Haare sorgen. Im Prinzip findet die zweite, dritte, vierte oder fünfte Klinge zunächst nichts weiter zu schneiden, als die Haut. So mächtig kann Marketing sein. Der Grund für die permanente „Weiter“entwicklung der Rasurtechnik liegt also mehr im finanziellen: eine moderne 5er-Klinge kostet zwischen drei und vier Euro. Eine einfache Standardrasierklinge dreißig bis vierzig Cent. Das Ziel, die federnden Barthaare sämtlich in einem Zug zu schneiden, wird mit keinem der Systeme erreicht. Die entsprechenden Patente sichern den Herstellern aber eine gute Marktposition mit entsprechendem Preispremium. Nespresso hat dieses Prinzip erfolgreich auf den Kaffeemarkt übertragen. Aber wie auch bei Nespresso haben beide Systeme trotzdem Ihre Berechtigung. Vergleichen wir sie also direkt:
TRUEFITT & HILL Rasierhobel, Rasierpinsel, Rasierseife, Rasieröl
  • Systemrasierer: günstig in der Anschaffung, teuer im Unterhalt, schnell und sicher, Klingen können leicht „verstopfen“, kann Irritationen befördern
  • Rasurhobel: teurer in der Anschaffung (je nach eigenem Luxusbedürfnis), sehr preiswert im Unterhalt, gründlicher aber mit Schnittgefahr, leicht zu reinigen, kann bei Irritationen helfen

Für mich, der sich dreißig Jahre lang „systemrasiert“ hat, stellen sich beide Varianten so dar: die Systemrasur ist schnell und mit konstanter Qualität, praktisch ohne echtes Schnittrisiko. Da ich wenig zu Irritationen neige also eine gute Lösung, wenn es mal schnell gehen muss oder ich auf Reisen bin. Die Hobelrasur ist meiner Meinung nach aber die stilvollere und angenehmere Variante am Morgen, wenn ich mir fünf Minuten mehr Zeit nehmen kann. Das Erlebnis ist einfach ein kleiner Spabesuch im eigenen Badezimmer. Und sie erweist sich mittlerweile auch als die gründlichere Variante, allen Klingenmengen, Vibratoren, Gittern, etc. zum Trotz. Apropos Reisen: wer schon einmal versucht hat, Klingen für seinen State-of-the-Art Systemrasierer in Peru, Taiwan oder Indien zu bekommen, wird sich auch das überlegen. Ich reise mittlerweile mit einem kleineren Reiserasierpinsel und einem zweiten Hobel.
Jetzt stellt sich eigentlich in Abwandlung meiner Eingangsfrage eine weitere Frage zum Hobel: WIE mache ich das, als jahrzehntelanger Gillette MACH3/Fusion-Nutzer!?
Und das beschreibe ich demnächst. Aber vorher noch ein Lied: